Ob Strompreisbremse, Industriestrompreis oder Debatten zur Merit Order: In der Energiewirtschaft steht das Spiel der MarktkrÀfte zunehmend in der Kritik. Immer wieder werden Regularien verschÀrft, Sonderabgaben eingehoben und grundlegende Eingriffe diskutiert. Gleichzeitig soll und will die Branche in den kommenden Jahren Milliarden in das Energiesystem investieren.
Beim ersten Oesterreichs Energie Trendforum in diesem Jahr wurde deutlich: Wer ĂŒber PreisdĂ€mpfung spricht, muss zugleich Versorgungssicherheit und Investitionsanreize im Blick behalten. Oesterreichs Energie-PrĂ€sident Michael Strugl verwies darauf, dass âWenn eine Mangellage hohe Preise auslöst, ist das zunĂ€chst ein Preissignal und nicht automatisch ein Beleg fĂŒr Marktversagen.â Zugleich gelte: âIn einer krisenhaften Situation sind Eingriffe in den Markt vertretbar. Entscheidend ist: Das muss effizient, befristet und so zielgenau wie möglich passieren.â Strugl betonte auĂerdem die strukturelle Dimension der Debatte: âWir sind immer noch zu abhĂ€ngig von fossilen Energieimporten. Wir brauchen mehr Stromerzeugung in Europa, vor allem aus Erneuerbaren.â Und er unterstrich die Rolle des bestehenden Marktdesigns: âDie Merit Order bringt Versorgungssicherheit, weil sie immer dafĂŒr sorgt, dass genĂŒgend Strom auf dem Markt ist.â
Gutes Modell, aber viele MissverstÀndnisse
Energieökonom Lion Hirth, Professor an der Hertie School Berlin, ordnete zentrale MissverstĂ€ndnisse rund um die Merit Order ein: âDie Merit Order ist total normal und nichts Exotisches. Sie ist schlicht die Angebotskurve, wie wir sie aus vielen anderen GĂŒter-MĂ€rkten kennen.â Damit sei die Merit Order âkein politisches âGesetzâ. Sie ist ein ökonomisches Modell, das beschreibt, wie sich Unternehmen in freien MĂ€rkten rational verhalten.â Hirth warnte vor den Folgen politischer Eingriffe: âWer die Preisbildung am Strommarkt manipuliert, senkt nicht die Kosten, er verschiebt sie und erhöht die Risken fĂŒr die Versorgungssicherheit.â
Auch alternative Modelle seien oft weniger wirksam, als sie klingen: âPay-as-bid klingt nach einem Ausweg, Ă€ndert aber am Ergebnis wenig: Unternehmen passen ihre Gebote an. Der Preis folgt weiterhin den Grenzkosten.â Und er gab zu bedenken, dass Segmentierungen des Marktes neue Verteilungsfragen erzeugen: âEine Aufteilung des Marktes in billige Erneuerbare und teure Gaskraftwerke klingt verlockend. Praktisch fĂŒhrt das direkt zu Zuteilungs- und Rationierungsfragen.â
Gleichzeitig verwies Hirth auf mögliche unkalkulierbare Nebenwirkungen von Eingriffen: âWenn wir den Börsenpreis kĂŒnstlich drĂŒcken, zahlen wir die Rechnung oft an anderer Stelle: Ăber Fördermechanismen steigt dann automatisch die Steuerlast.â GrundsĂ€tzlich gelte: âStrom gibt es nicht umsonst: Wind und Sonne schicken keine Rechnung, das ist schon richtig. Aber Anlagen, Netze, Speicher und Backup-KapazitĂ€ten mĂŒssen finanziert werden.â
Industrie braucht Planbarkeit
Aus Sicht der Industrie brachte Patricia Neumann, Vorstandsvorsitzende Siemens AG Ăsterreich und VizeprĂ€sidentin der Industriellenvereinigung, die Standort-Perspektive ein. âEnergie ist fĂŒr die Industrie ein zentraler Wettbewerbsfaktor, aber nicht der einzige. Entscheidend sind ebenso Planbarkeit, regulatorische VerlĂ€sslichkeit und ein Rahmen, der Investitionen nicht laufend in Frage stellt.â Gleichzeitig sehe man bei Elektrifizierung und Effizienzlösungen unmittelbare Potenziale: âWir sehen starken RĂŒckenwind: Unsere Kunden fragen Elektrifizierung und Effizienzlösungen aktiv nach. Technologie ist ein Hebel, den wir sofort nutzen können.â FĂŒr Neumann braucht es dazu eine koordinierte Strategie: âWas mir fehlt, ist eine gemeinsame, ganzheitliche Linie fĂŒr Ăsterreich und Europa. Wenn wir Kompetenzen bĂŒndeln und Partikularinteressen zurĂŒckstellen, können wir schneller zu Lösungen kommen, die Standort und Versorgungssicherheit stĂ€rken.â
EuropÀische Integration stÀrkt Resilienz
Karina Knaus, Head of Market Information and Transparency, ACER (EU-Agentur fĂŒr die Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden) betonte die Vorteile des integrierten Binnenmarkts. âWir sehen bereits jetzt die groĂen Vorteile der Marktintegration. Berechnungen zufolge sprechen wir immerhin von 34 Milliarden Euro pro Jahr an gesamtwirtschaftlichen Nutzen, die der grenzĂŒberschreitende Strommarkt bringt.â Und sie unterstrich die strategische Bedeutung mit Blick auf Krisen: âAuch in Zukunft wird es wichtig sein, den gemeinsamen Markt zu nutzen, um die Krisenresilienz sicherzustellen.â
Die soziale Dimension stellte Barbara Teiber, Vorsitzende der Gewerkschaft GPA, in den Vordergrund: âDie zentrale Frage ist immer, ob Energie fĂŒr die Menschen in diesem Land leistbar ist und bleibt. Die Energiepreise waren in den letzten Jahren ein massiver Treiber der Inflation und haben die Herausforderungen bei Kaufkraft und WettbewerbsfĂ€higkeit deutlich verschĂ€rft. Andere LĂ€nder haben gezeigt, dass Regulierung und gezielte Eingriffe Preisspitzen wirksam abfedern können.â
Eingriffe als legitimes Instrument
Teiber verwies auf neue Instrumente und deren Umsetzung: âMit dem neuen ElektrizitĂ€tswirtschaftsgesetz und dem Sozialtarif ist ein wichtiger Schritt gelungen. Erstmals ist das öffentliche Interesse an niedrigen Energiepreisen ausdrĂŒcklich gesetzlich verankert. Entscheidend wird nun sein, dass sich diese gemeinwirtschaftliche Verpflichtung nicht nur am Papier wiederfindet, sondern in der Praxis wirksam umgesetzt wird.â Zudem betonte sie die LegitimitĂ€t staatlicher MaĂnahmen: âDie Senkung der ElektrizitĂ€tsabgabe und der geplante Industriestrompreis zeigen: Staatliche Eingriffe sind kein Tabu, sondern ein legitimes Instrument, um Kaufkraft und Standort zu stĂ€rken. Zentral ist, dass Investitionen in die Energiewende gesichert und gleichzeitig die Preise fĂŒr Haushalte stabilisiert werden.â
Marktregeln funktionieren, MaĂnahmen wirken
Barbara Schmidt, GeneralsekretĂ€rin von Oesterreichs Energie, plĂ€dierte dafĂŒr, die bestehenden Regeln nicht vorschnell zu verĂ€ndern: âDas Marktdesign funktioniert. Ănderungen können unerwĂŒnschte Folgen haben â auch fĂŒr die Versorgungssicherheit, wenn nicht mehr investiert wird. NĂŒtzen wir andere MaĂnahmen, um wettbewerbsfĂ€hige Preise zu garantieren. Als Branche werden wir an machbaren Lösungen immer konstruktiv mitarbeiten.â Gleichzeitig ordnete sie die Preisdebatte im LĂ€ndervergleich ein: âĂsterreich liegt sowohl bei Industriestrompreisen als auch bei Verbraucherpreisen im europĂ€ischen Mittelfeld.â
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Ăsterreichs E-Wirtschaft
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